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Ein Einzelgänger, der nie allein ist
Enoch zu Guttenberg, Dirigent und Leiter
der Chorgemeinschaft Neubeuern, lebt mit seinen Sängern, die auch seine Freunde
sind
Vor dem rosafarbenen, barock
geschwungenen Dorftor von Neubeuern liegt ein schweres Bauernhaus mit weißen
Wänden und dunklen Holzteilen. Ohne die Verzierungen und ohne die Bemalungen,
wie sie hier vielfach üblich sind, ist es dennoch ein für den Chiemgau typisches
Gebäude mit dem Wohnteil, dem Stall und der Tenne unter einem Dach.
„Ich wollte ein Haus, das im Inneren so
aussieht, wie Mozarts Musik klingt", sagt der Dirigent Enoch zu Guttenberg und
ist nach vierjährigem Wohnen immer noch amüsiert, dass sein Wunsch ausgerechnet
im Kuhstall ganz perfekt in Erfüllung ging. Vor über 17 Jahren war er als
Musikstudent ins Dorf gekommen, um der Stadt München, seinem Studienort mit den
allzu willkommenen Ablenkungen, auszuweichen. Da trug ihm der Pfarrer die
„Liedertafel", eine kleine Gruppe singender Laien, an. Doch er lehnte ab, und
sie waren von ihm auch nicht begeistert.
Sein Lehrer und väterlicher Freund Karl
von Feilitzsch überredete ihn zur Annahme. „Ich gab das Komponieren auf und
verschrieb mich ganz der kirchlichen Musik. Sie wird leider so oft missbraucht;
meistens stehen das Kunstwerk und subjektives Kunstverständnis im Vordergrund,
nicht aber die theologischen Wahrheiten oder das religiöse Thema.
Musik wurde für ihn zum bedeutsamen
Vermittler einer Aussage, Johann Sebastian Bach zum Vater aller Musik. Bei
seinen ersten Chormitgliedern fand er so viel Einsatzfreude, Verständnis,
Musikalität und gute Stimmen die meisten gehören noch heute dazu, dass es ihm
schon bald unmöglich erschien, Neubeuern zu verlassen.
Enoch zu Guttenberg ist Franke und
stammt aus einem alten Adelsgeschlecht nicht weit von Kulmbach; die Hoffnungen
seines Vaters, eines Politikers, der durch brillante Reden im Bundestag zur Zeit
Adenauers auffiel, enttäuschte er, als er sich weder für dessen Beruf noch für
die direkte Verwaltung des vielseitigen Besitzes entschied.
Auch jetzt, nachdem er alles geerbt hat,
ist ihm die Musik wichtiger: „Der Besitz wird heute von einem Team geleitet, mit
dem ich befreundet bin. Ich arbeite mit, soviel es eben geht.
Sein Engagement gehörte seinem Chor, den
80 Mitgliedern der Chorgemeinschaft Neubeuern. Die Anfänge waren sehr schwer,
die Kritiken ablehnend bis höchstens vorsichtig wohlwollend. Doch die
Gemeinschaft hielt zusammen, glaubte an ihren einsatzfreudigen Chorleiter.
Heute, mit 37 Jahren ganz ergraut und eine Spur ruhiger geworden, wird Enoch zu
Guttenberg auch von der Kritik mit höchstem Lob bedacht. An seine
temperamentvolle, manchmal fast ekstatische Dirigierweise hat man sich gewöhnt.
Messen, Oratorien, Passionen stehen auf dem Programm, Bach, Verdi, Dvořák und
Händel Werke der Klassik, in München, in bayerischen Klöstern, in Frankreich, in
Spanien und bald auch in Japan und Südamerika gesungen.
Trachtenanzug und ein blaues Dirndl mit
gelber Schürze sind keine folkloristischen Attribute, sondern Ausdruck der
Wurzeln seines Chores, dem „rührend frommer Ernst", aber auch „entfesselte
Naturkraft seiner Stimmen" zugestanden wird.
Als „eigenwilliger Einzelgänger' oder
„flammender Außenseiter" wird der Dirigent bezeichnet. Dem Musikkritiker Joachim
Kaiser gilt seine Aufführung der h-Moll‑Messe „als Trost, wenn mir der
Musikbetrieb als ohnmächtige Betriebsamkeit oder eitler Quatsch erscheint".
Weitere 180 Stimmen erhielt Guttenberg,
als vor vier Jahren der Cäcilienchor in Frankfurt unter seine Leitung kam.
Wöchentliche Proben auch hier und Aufführungen, in denen der Stadt und der
Landchor vereinigt singen.
Im selben Jahr, also 1980, bezog er nach
18 Monaten Bauzeit sein Haus, das er vor dem Abriss bewahrt hatte. Mit seinen
Freunden, dem Ofenbauer Richard Schwarz und dem Schreiner
Herbert Straub, begann er selbst den Umbau. Rund 40 Kammern gab es, die
meisten Wände wurden niedergerissen.
„Um uns die Proportionen vorstellen zu
können, bauten wir die neuen Wände mit riesigen Papierbahnen auf. Wir haben eine
sehr fröhliche Bauzeit gehabt, viel gefeiert und ebenso viele Fehler gemacht."
Küche und Büro sind im alten Wohnteil.
Wo die Kühe standen, befinden sich heute Esszimmer, Saal und Arbeitsraum. Im
Marmorboden spiegeln sich schimmernd Möbel und Bilder, das Licht flutet.
Geborgenheit gibt es nur in der ehemaligen Milchkammer, der Bibliothek. In der
Tenne geht es oft „zünftig" zu; da gibt es dann schon mal ein Trompetensolo vom
Dirigenten, Bier, Schweinshaxe und Tanz, wenn eine gelungene Aufführung gefeiert
wird.
„Ich bin ein Exzentriker, der Ordnung um
sich braucht", sagt er. Aber auch Ruhe. Und da Musik und die damit verbundene
Arbeitshektik sein tägliches Leben ausfüllen, findet er Stille nur beim
Bergsteigen. Eine seltene Gelegenheit für die beiden Söhne, im „Mozarthaus" das
Schlagzeug dröhnen zu lassen.
E. v. W. Wiedergabe von Text und Fotos (unverändert) aus der Zeitschrift Ambiente, Burda GmbH, München. Ausgabe 4/84, August/September 1984. Text: Elisabeth Gräfin von Walderdorff, Fotos: Matteo Manduzio
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